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Der Spagat zwischen Professionalisierung und Engagement

Frauenhäuser sind nach jahrelanger Arbeit eine Ergänzung zum sozialen System geworden. Zu ihren Gründungszeiten verstanden sie sich mehr als eine praktisch gewordene, prinzipielle Kritik an den gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen, die das Ausmaß strukturell verankerter Gewalt gegen Frauen und Mädchen weitestgehend ignorierten und verleugneten. Die Frauenprojekte wollten mit ihrer Arbeit das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften und später auch des sexuellen Missbrauch von Mädchen, von Vergewaltigung und Frauenhandel öffentlich machen. Ziel der Bewegung war es nicht die Gesellschaft mit einem Netz von Frauenhäusern und Beratungseinrichtungen zu überziehen, sondern die Beendigung von Gewalt gegen Frauen, indem physische, psychische und sexuelle Verfügungsmacht über Frauen und Mädchen nicht länger Teil unserer Geschlechterkultur ist.
Die Frauenhausbewegung hat zwar nicht den Staat verändert wie einst erhofft, aber bewirkt, dass der Staat sich in damals völlig ungeahnter Weise für das Problem der Gewalt gegen Frauen heute einsetzt: finanziell, rechtlich und verstärkt durch Kooperationsmodelle.
Doch immer wieder machen sich Ärger, Enttäuschung und Ermüdung breit aus dem Gefühl  heraus, dass die Gesellschaft das Problem der Gewalt gegen Frauen zwar erkennt, es aber immer wieder gern den Frauenunterstützungseinrichtungen überantwortet, deren Arbeit manchmal auf der Stelle zu treten scheint.
Da sind wir beschäftigt mit Hartz IV und seinen Folgen, rassistischen Sondergesetzen etc.,
der Vielfalt individueller Notlagen und nebenbei Kürzungen unseres Haushaltsetats...
Dazu kommt das ambivalente Gefühl nich genug zu tun.
Feminismus ist zunehmend für alle Beteiligten harte Arbeit und weniger Spaß, weniger Veränderung und gemeinsamer Erkenntnisprozess. Wir haben ein sozialarbeitsnahes Arbeitsprofil entwickelt und Allgemeinpolitisches zurückgestellt.
Das liegt sicherlich auch daran, dass sich die erwähnte Existenzunsicherheit in der frauenpolitischen Tätigkeit breit macht und dieses wiederum Konkrenzsituationen auslöst. Wir stehen unter hohem Legitimations- und Professionalisierungsdruck. Viele Einrichtungen der Frauenbewegung sind vom radikalen Umbau und mindestens ebenso radikalen Abbau öffentlicher Zuschüsse betroffen. Und wie können wir da noch erwarten, gemeinsame politische Ziele durchzusetzen, wenn es eigentlich nur noch um die Verteidigung der Möglichkeiten und Orte von bereits Bestehendem geht. Die gesellschaftliche Aufgabe des Schutzes vor Gewalt stellt sich zunehmend wieder als ein von der Kassenlage und Prioritätensetzung des Staates abhängiger Gnadenakt dar.
Nicht nur viele der Frauenhausmitarbeiterinnen haben im Kampf um Finanzierung und gesellschaftliche Anerkennung viele einstmals gemeinsame Ziele und Grundsätze aufgegeben. Mehr und mehr haben sich in den gesellschaftlichen Verhältnissen und den unterschiedlichen Gehaltsgruppen eingerichtet und an Runden Tischen Platz genommen.. Sie haben den spezialisierten und professionalisierten Blick auf die Innenverhältnisse gerichtet, sich zurückgeszogen und zwar zu einem denkbar ungünstigem Zeitpunkt. Viele haben versäumt, hinterm Mond wieder hervorzuschauen und darüber die globalen Umstrukturierungsprozesse aus dem Blick verloren. Nichts vermag mehr richtig aufzuregen. Die Wut im Bauch ist weg. Die Degradierung der Frau zur Ware in der Werbung hat wieder zugenommen. Proteste dagegen erheben sich kaum mehr. Wir vermissen das gegenseitige Vorleben von Stärke und positiver Aggressivität.
Für politische Fragen steht im Rahmen der Individualhilfe nur noch wenig Zeit zur Verfügung. Mit dem Anteil von Frauen und Kindern mit spezifischen Problemlagen, aufgrund ihrer belastenden Lebenserfahrungen und dem zunehmenden Prozentsatz von Migrantinnen mit sprach- und aufenthaltsrechtlichen Problemen wächst der individuelle Betreuungsbedarf erheblich an. Wir bewegen uns permanent in Widersprüchen. Da sind auf der einen Seite unterdrückungs- und machtausübende Gesetze und die ausübenden Behörden, die zu kritisieren wir niemals aus den Augen verlieren dürfen und auf der anderen Seite die existenzielle Wichtigkeit mit eben diesen zu kooperieren, um aus den Gegebenheiten das Bestmögliche für die Frauen herauszuholen, was jedoch für sie oft nur das geringst Nötige ist.
Und so richtet sich unser reduzierter und eingeschränkter Blickwinkel oft auf die Sicherung der eigenen Projektarbeit. Der allerdings verstellt den Zugang zur gesellschaftlichen Entwicklung. Eine Wende im Denken und Handeln muss her. Für die Betroffenen und für die Öffentlichkeit muss der Zusammenhang zwischen individuell erlebter Gewalt und gesellschaftlicher Verursachung wieder hergestellt, wieder ins Zentrum der Frauenhauspolitik gestellt werden.

Unbeantwortet bleibt die Frage, welche Visionen wir heute von einer gesellschaftlichen Zukunft haben, die es möglich macht die Gewaltfrage zu lösen und mehr Gerechtigkeit, Solidarität und vor allem Menschlichkeit für alle und zwar unabhängig vom Herkunftsland und global zu verwirklichen.

Frauenhaus Rostock

Tel. 0381-45 44 06