Häusliche Gewalt als Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse
Geschichte und Soziologie der Ehe
Die monogame Zweierbeziehung differenzierte sich im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung seit dem 18. Jh. heraus. Mit der Regulierung der Städte als reiner Transit- und Verkehrsraum verschwand das Sozialleben von der Straße und der intime Charakter der Familie, das soziale Leben in privatem Umfeld konnte (musste) entstehen. Es wurden die in der Geschlechtersoziologie heute oft analysierten öffentlichen und privaten Räume geschaffen und im Laufe der Zeit die Grenzen zwischen diesen beiden Sphären gefestigt. Der Staat eignete sich den öffentlichen Raum an, die Familie zog sich immer weiter "nach innen" zurück und eignete sich Werte wie Intimität, Häuslichkeit und Privatheit an. Wesentliche Aufgaben wurden Reproduktion und Konsum. Die industrialisierte Lebensweise führte weiter zu einer Reduzierung der Familie: aus der Großfamilie wird die Kernfamilie (Mutter, Vater, Kinder). Durch die Etablierung kapitalistischer Verhältnisse fand zunehmend eine Geschlechtertrennung durch Zuteilung der Sphären statt. Während Männer im öffentlichen Raum Lohnarbeit verrichteten, produzierten und die Familie finanziell absicherten, sorgten Frauen im privaten Raum für die Kinder und verrichteten die sog. Reproduktionsarbeit. Ihre Aufgabe bestand darin für das Wohlbefinden von Mann und Kindern zu sorgen und den Haushalt zu führen.
Die vorherrschende Familienform ist bis zur heutigen Zeit, die immer noch patriachale moderne kleinfamilie, sie ist Ausdruck einer historisch gewordenen gesellschaftlichen Konstellation.
Bis heute genießt die Ehe als Institution den besonderen Schutz des Staates. Die Familie gilt als ein Ort der Sicherheit, in dem einzelne Mitglieder Geborgenheit und Schutz erfahren (sollen). In einer Partnerschaft sind nach gängiger Meinung zwei Menschen durchLiebe und geegnseitigen Respekt miteinander verbunden. Die Realität sieht jedoch andersaus.
Häusliche Gewalt als Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse
In unserer Gesellschaft werden bis heute Geschlechterhierachien produziert, die auf Tradierung und Reproduzierung eines geschlechtsspezifischen Rollenmodells zurückgeführt werden können. Männern und Frauen werden bestimmte Eigenschaften zugeteilt.Entscheidend ist, dass dabei die "weiblichen Eigenschaften" in ihrer Anerkennung den "männlichen" zurückstehen. Die "Voranstellung des Männlichen" diente in derVergangenheit als Begründung, die Frau sei dem Mann unterstellt und habe seinenWeisungen Folge zu leisten Bei Zuwiderhandlung von Seiten der Frau hätte der Mann dasRecht auf körperliche und psychische Züchtigung. Dieses Hierachische Konzept zieht sichmit seinen Symtomen bis heute in alle Ebenen der Gesellschaft.
Erst die neue Frauenbewegung Ende der 80er Jahre sensibilisierte die Öffentlichkeit für die Problematik der Männergewalt gegen Frauen. Vorher war Gewalt gegen Frauen mehr oder weniger namenlos. Die Frauenbewegung stellte Gewalt in einen Zusammenhang von Geschlecht und Macht bzw. Ohnmacht und setzte sie damit in gesellschaftlich strukturelle Zusammenhänge. Männliche Gewalt ist mehr als individuelle Übergriffe einzelner Männer gegen einzelne Frauen, mehr als "Beziehungsstreitigkeiten", sie ist tief verwurzelt in den Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit.
Im Unterschied zu einem Streit geht es bei Gewalt immer um die Ausübung von Macht und Kontrolle. Die Formen der Gewalt, die Frauen erfahren, sind vielfältig:
- Physische Gewalt (z.B. stoßen, schlagen, treten, Misshandlung mit Gegenständen, mit Waffen bedrohen)
- Psychische Gewalt (z.B. Psychoterror: einschüchtern, beleidigen, bedrohen, demütigen, Erpressungen, ständige Kontrolle, Verweigerung von Anerkennung, für.verrückt-erklären, Eigentum zerstören)
- Sexualisierte Gewalt (z.B. als Sexualobjekt behandeln, zu sexuellen Handlungen zwingen)
- Soziale Gewalt (z.B. sie wie eine Bedienstete behandeln, Kontrolle über Kontakte, Kontaktverbote, Isolation, Einsperren, Verbot der Berufstätigkeit der Frau, im sozialen Umfeld schlecht machen, Verwigerung der Betreuung der Kinder, Androhen von Gewalt gegen die Kinder oder andere Angehörige)
- Ökonomische Gewalt (z.B. Vorenthalten von Einkommen, Unterhalt oder ausreichend Wirtschaftsgeld, alleinige Kontrolle über das gemeinsame Einkommen, Schulden für die Frau mitmachen, zwingen oder verbieten zu arbeiten)
Die Normalität von Gewalt macht es bis heute für Frauen und Mädchen uneindeutig, welches Recht sie auf sich selbst und welches Recht andere auf sie und ihren Körper haben.
Viele der betroffenen Frauen sprechen nicht über ihre Gewalterfahrungen und ertragen die Situation über Jahre hinweg, weil...
- ...Gewalt in der Familie nach wie vor ein Tabuthema ist
- ...ihre Umgebung gar nicht oder nicht angemessen reagiert, wenn sie Gewalthandlungen bemerkt
- ...Frauen die Schuld am Auseinanderbrechen der Familie zugeschrieben wird, wenn sie sich aus der Gewaltbeziehung lösen
- ...Frauen eher die Schuld bei sich suchen, als den Täter verantwortlich zu machen
- ...Frauen oftmals glauben, wirtschaftlich von ihren Männern abhängig zu sein
Gewalt gegen Frauen ist nicht das individuelle Problem der einzelnen Frau, sondern das Problem einer Gesellschaft, die diese Gewalt duldet und durch Verhältnisse produziert.
Gewalt gegen Frauen ist immer auch Gewalt gegen Kinder. Auch wenn Kinder die Misshandlungen nicht unmittelbar "am eigenen Leib" zu spüren bekommen, wirkt sich das Erleben der Gewalt gegen die Mütter vielfältig negativ auf Kinder aus.
