Gewalt & Sucht


Die Erfahrung von Gewalt stellt für einen Menschen immer ein einschneidendes Ereignis dar, dass die Gefahr einer Traumatisierung in sich birgt. Wie gut die Verarbeitung einer Gewalterfahrung gelingt, hängt von mehreren Faktoren ab, u.a. von der psychischen Stabilität Betroffener und den Möglichkeiten zur Gestaltung eines schützenden, sicheren Umfeldes. Über Beides verfügen Menschen, die von einer Suchterkrankung betroffen sind, in der Regel nicht. Und obwohl vor diesem Hintergrund eine besondere Gefährdung besteht, sind die Zugänge zu Hilfe und Unterstützung mit Hürden und Erwartungen verknüpft, die für die meisten eine Überforderung darstellen. Hinzu kommt, dass trotz der Korrelation zwischen Sucht und Gewalt die beteiligten Hilfesysteme kaum miteinander interagieren.

Sucht und Gewalt zusammen zu denken, fällt nicht schwer. Assoziiert werden in der Regel schnell Bilder, in denen die Sucht als Auslöser von Gewalt präsent ist. Unumstritten ist, dass der Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen die Hemmschwelle zur Ausübung von Gewalt erheblich herabsetzen kann. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2015 wurden 28,2% der Gewaltstraftaten unter Alkoholeinfluss begangen. Die Ableitung einer Kausalität, also den Konsum von Suchtmitteln als Ursache von Gewalt zu definieren, wäre jedoch zu einfach gedacht. So bedeutet eine Beendigung des Konsums eben nicht automatisch auch ein Ende der Gewalt. Außerdem werden viele schwere Gewalttaten verübt, ohne dass Täter*innen unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen stehen. Die Ursachen von Gewalt sind wesentlich vielschichtiger, lassen sich nicht nur individuell begründen, sondern sind auch in den bestehenden gesellschaftlichen Strukturen verankert.

Ein weiterer Aspekt der Wechselwirkung zwischen Sucht und Gewalt ist der, dass Suchtmittelkonsument*innen einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt sind, selbst Gewalt zu erleiden. Die Wirkung von Suchtmitteln verhindert eine realistische Selbstwahrnehmung und kann zu selbstüberschätzenden Handlungen führen. Warnsignale werden nicht mehr erkannt, die eigene Reaktionsfähigkeit und die Möglichkeiten des Selbstschutzes sind eingeschränkt.

Ebenso gilt, und dies ist ein Fakt, der oft aus dem Blickfeld gerät, dass Menschen auch in der Folge einer Gewalterfahrung häufig auf Alkohol oder andere Drogen zurückgreifen. Kaum eine andere Bewältigungsstrategie ist kurzfristig so effektiv, wenn es darum geht, Ängste zu unterdrücken, unerträgliche Erinnerungen zu verdrängen oder das Nachdenken über das Erlebte abzuschalten. Kaum eine andere Strategie ist aber langfristig gesehen auch so selbstzerstörerisch.

Frauen und Kinder sind in unserer Gesellschaft in besonderer Weise von Gewalt betroffen. Sie erleiden Gewalt zumeist an dem Ort, der ihnen eigentlich Schutz und Geborgenheit bieten sollte, nämlich in den eigenen vier Wänden. Täter sind nahestehende Personen, in der deutlichen Mehrheit Männer. Die Gewalt ist in der Regel keine einmalige, sondern eine wiederkehrende Erfahrung, die sich zum Teil über Jahre hinweg erstreckt, an Intensität zunimmt und schwerwiegende Folgen nach sich ziehen kann.

Laut Studie des BMFSJ zur Lebenssituation von Frauen in Deutschland (2004) hat etwa ein Viertel der Frauen nach dem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch den (Ex)Partner erlebt. 51% der Männer, die gegen die Partnerin gewalttätig wurden, wiesen einen problematischen Alkoholkonsum auf.

Ca. ein Viertel der aktuell oder in Kindheit und Jugend von Gewalt betroffenen Frauen greifen als Versuch zur Bewältigung der Gewalterfahrungen auf Alkohol und Medikamente zurück.

Eine Studie der FH Frankfurt am Main zum Thema „Gewaltschutz für süchtige Frauen“ (2013) belegt, dass die Gewaltbelastung alkohol- und drogenabhängiger Frauen überdurchschnittlich hoch ist.

Während für Männer die Tatsache, dass sie während der Ausübung der gewalttätigen Handlungen unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen standen, eher als Entschuldigung gilt und die Verantwortung auf das Suchtmittel verschoben wird, gilt für konsumierende Frauen ein anderer Bewertungsmaßstab. Frauen werden geschlagen, weil sie trinken. Konsumierende Frauen wird eine Mitschuld an der Gewalt, die ihnen zugefügt wird, zugeschrieben. Da sie sich allein durch ihren Konsum bereits in besonderer Weise provokant verhalten, nämlich weder weiblich noch angemessen.

“Drinking confirms men`s gender role, whereas it diminishes women`s.
We are meant to believe that men who drink heavily are men`s men. […] In contrast, a girl`s drinking makes her less feminine.”

aus: „Smashed“
Zailckas, 2005, 257f.

Trinken bestätigt die männliche Geschlechterrolle, beschädigt aber die der Frauen.

Traditionelle Rollenbilder implizieren, dass Männer, die stark trinken, männliche Männer sind, also zu den "richtigen" Männern gehören. Im Gegensatz dazu ist das Trinken bei Mädchen und Frauen damit verbunden, dass sie als weniger weiblich, weniger in die Gruppe der "akzeptablen" Mädchen und Frauen gehörend angesehen werden.

Menschen, die von Gewalt betroffen und zusätzlich mit einer Suchtmittelproblematik belastet sind, leiden häufig nicht nur unter den massiven körperlichen Folgeschäden, sondern vor allem auch unter psychischen Beeinträchtigungen und Verletzungen.

Besonders zu erwähnen sind in der Folge traumatischer Erfahrungen die Symptome einer (komplexen) Posttraumatischen Belastungsstörung (u.a. Angstzustände, Wiedererleben von Teilen des Traumas, erhöhte Schreckhaftigkeit, Vermeidung, Einschränkungen der Beziehungsfähigkeit, Beeinträchtigung der Fähigkeiten zur Regulation von Affekten und Impulsen, Störungen der Aufmerksamkeit, des Bewusstseins sowie der Selbstwahrnehmung, Somatisierung und Veränderung von Lebenseinstellungen).

Zusätzlich sehen sich Betroffene in ihrem Alltag mit multiplen Problemlagen konfrontiert, die u.a. existenzielle Nöte, soziale Ausgrenzung und rechtliche Konflikte umfassen. Die Ressourcen zu deren Bewältigung bzw. zur aktiven Suche nach Unterstützung sind in der Regel jedoch deutlich eingeschränkt. In der Folge sind Betroffene häufig dem Vorwurf ausgesetzt, es mangele ihnen an Motivation und Mitwirkungsbereitschaft.

Durch Gewalterfahrungen traumatisierte und suchtkranke Eltern sind in ihren Erziehungskompetenzen oft beeinträchtigt. Kinder erleben vor allem eine durch Unberechenbarkeit, Unzuverlässigkeit, Impulsivität, aggressives Verhalten und/oder depressive Symptome geprägte Atmosphäre. Sowohl in der Beziehung zwischen den Elternteilen als auch in der Beziehung zum Kind kann es zur Re-Inszenierung traumatischer Beziehungserfahrungen kommen.

Kinder, die mit suchtkranken Eltern aufwachsen, tragen ein enormes Entwicklungsrisiko. Sie sind Belastungen ausgesetzt, die in ihr physisches und psychisches Wohlbefinden ebenso wie in ihre kognitiv-emotionale Entwicklung eingreifen und damit Auswirkungen auf den gesamten Lebensweg haben können.  

Wenn Kinder direkt oder indirekt von Gewalt im Elternhaus betroffen sind, tragen sie ein vergleichbares Risiko. Wenn Sucht und Gewalt zusammen kommen, muss von einer Verdopplung der Belastung für die Kinder ausgegangen werden. Das Risiko, selbst Gewalt zu erfahren bzw. diese später auch auszuüben ebenso wie das Risiko später selbst eine Suchtmittelabhängigkeit bzw. eine andere psychische Erkrankung zu entwickeln, ist deutlich erhöht.

Dennoch bleiben Kinder bislang weitestgehend ausgeschlossen, wenn es um die sucht- bzw. traumaspezifische Behandlungen der Eltern geht.

Die Suche nach geeigneten Hilfs- und Unterstützungsangeboten ist durchaus schwierig. Eine erste Hürde stellt vor dem Hintergrund der beschriebenen Stigmatisierung Betroffener bereits die Öffnung der Problematik dar.

Betroffene sollten auf ihr Bauchgefühl vertrauen, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahren dürfen und Ansprechpartner*innen wählen, bei denen sie Vertrauen in einen sensiblen und respektvollen Umgang mit sich und ihrer Biographie fassen können. Das können neben Mitarbeiter*innen aus spezifischen Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe oder der Anti-Gewalt-Arbeit eben auch professionelle Unterstützer*innen aus anderen Arbeitsbereichen oder private Bezugspersonen sein. Das wichtigste Anliegen des Kooperationsprojektes GeSA, ist es deshalb, möglichst viele der an der Unterstützung Betroffener beteiligten Einrichtungen für die Problematik zu sensibilisieren und, über die Verknüpfung vorhandener Kompetenzen, Formen fachlich-integrativer Interventionsmöglichkeiten zu entwickeln.

Ein zweites Problem ergibt sich daraus, dass klinische Therapieansätze zumeist entweder auf die Behandlung der Sucht oder die Behandlung des Traumas abzielen, selten aber beides in den Blick nehmen. Das ist insofern problematisch, als dass sich die Symptome einer PTBS unter der Abstinenz verstärken können, die Behandlung einer PTBS bei fortgesetztem Konsum aber ebenso wenig möglich ist.

Ein Therapieprogramm, das beide Aspekte berücksichtigt, trägt den Namen Sicherheit finden und verfolgt einen ressourcenorientierten, stabilisierenden Ansatz. Das heißt, es geht nicht um eine detaillierte Bearbeitung des Traumas, sondern um ein Verständnis der Folgen traumatisierender Erfahrungen und den Erwerb alternativer, „sicherer“ Bewältigungsstrategien für den Umgang mit diesen.

Auf der Internetseite www.trauma-und-sucht.de findet sich neben wertvollen Hinweisen für Ratsuchende auch eine Auflistung von Einrichtungen, die spezifische Trauma-Sucht-Behandlungen anbieten. Empfehlenswert ist, einer Entscheidung für die Inanspruchnahme eines Hilfeangebotes ein Vorgespräch voran zu stellen, um einen persönlichen Eindruck von der Atmosphäre und der Fachlichkeit gewinnen zu können.