Sexarbeit


Sexarbeit ist für uns eine freiwillig erbrachte sexuelle Dienstleistung, die einen einvernehmlichen Vertrag zwischen zwei erwachsenen GeschäftspartnerInnen voraussetzt.

Ohne dieses Einvernehmen handelt es sich nicht um Sexarbeit, sondern um erzwungene Sexualität. Wir unterscheiden klar zwischen Menschenhandel und Gewalt einerseits und freiwilliger Sexarbeit andererseits. Ersteres muss konsequent bekämpft werden.

In den herkömmlichen Debatten und medialen Diskursen über Sexarbeit und Prostitution werden aus unserer Sicht unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet, die sich zum Teil fernab der Realität rund um das Anbieten sexueller Dienstleistungen verorten. Sie zeigen lediglich einen kleinen Ausschnitt aus einem vielfältigem Spektrum. Der am häufigsten zu nennende Kritikpunkt ist das Sprechen über Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, ohne repräsentativ für alle Diversitäten in diesem breiten Feld sein zu können.

Wenn wir von Sexarbeit reden, meinen wir damit:

...eine höchstpersönliche Dienstleistung, über deren Inhalt und Ausmaß nur die SexarbeiterInnen selbst entscheiden. Sexarbeit kann selbständig und in einem Arbeitsverhältnis ausgeübt werden. Voraussetzung sind einvernehmliche Verträge zwischen den Beteiligten und die Einhaltung gesetzlicher Mindestvorgaben. Sexarbeit ist jegliche Form von sexueller Dienstleistung. Dazu gehören auch PornodarstellerInnen, TelefonsexanbieterInnen, Internetchatdienstleistungen, Entspannungsmassage usw.

Wenn wir von SexarbeiterInnen reden, meinen wir:

...Frauen, Trans*frauen und Männer die sexuelle Dienstleistungen verkaufen. Der Begriff 'SexarbeiterIn' bezieht sich auf alle Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, unabhängig von geschlechlicher Identität. Aus diesem Grunde vermeiden wir den Begriff Prostituierte. Mit 'Prostituierte' werden im öffentlichen Diskurs meist nur Frauen assoziiert. Auch wenn in der Sexarbeit am häufigsten Frauen tätig sind, entspricht dies nicht der sozialen Realität dieses Gewerbes, denn es bieten Transmenschen wie auch Männer sexuelle Dienstleistungen an.

"Seit 2002 gilt in Deutschland das Prostitutionsgesetz (Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten), dessen Ziel es ist, die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten zu verbessern und das kriminelle Umfeld wirkungsvoller zu bekämpfen.

Das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten trifft Regelungen über die Rechtsansprüche zwischen den Prostituierten und deren Kunden und über die Erbringung von sexuellen Dienstleistungen im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses.

Durch das Prostitutionsgesetz wird klargestellt, dass Prostituierte durch das Erbringen der vereinbarten sexuellen Dienstleistung einen Anspruch auf die vereinbarte Gegenleistung erwerben. Prostituierte können auf der Grundlage des Prostitutionsgesetzes ihre Tätigkeit auch im Rahmen sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse ausüben. Das Weisungsrecht des Arbeitgebers beziehungsweise der Arbeitgeberin ist jedoch eingeschränkt. Prostituierte können jederzeit bestimmte Kunden oder bestimmte Sexualpraktiken ablehnen oder ganz aus der Prostitution aussteigen.

Ziel des Prostitutionsgesetzes ist es, der bisher bestehenden rechtlichen Benachteiligung von Prostituierten entgegenzuwirken und ihre soziale Absicherung zu erleichtern. Gleichzeitig wurde die Strafbarkeit wegen Förderung der Prostitution beziehungsweise Zuhälterei soweit zurückgenommen, dass sich Bordellbetreibende nun nicht mehr allein deswegen strafbar machen, weil sie günstigere oder sichere Arbeitsbedingungen für Prostituierte schaffen wollen.

Die Ausbeutung von Prostituierten, Menschenhandel und Minderjährigenprostitution sind selbstverständlich weiterhin strafbar."

www.gesetze-im-internet.de/prostg/

Bericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz - ProstG) www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/publikationen,did=97394.html

Quelle: www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=72948.html

Obwohl Sexarbeit in der BRD Teil der gesellschaftlichen Realität ist und gesetzlich legal, sind alle Menschen die in diesem Bereich tätig sind, Stigmatisierungen und Diskriminierungen ausgesetzt.

Sexarbeit ist trotz Legalisierung noch kein anerkannter Beruf. Sexarbeit ist nach wie vor mit einer gesellschaftlichen Tabuisierung belegt, sodass Menschen, die in diesem Bereich aktiv sind, ihre Tätigkeiten verheimlichen müssen. SexarbeiterInnen und Kunden, die sich outen, werden bewertet und ihnen werden Eigenschaften und Klischees zugeschrieben ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen.

Moralische Vorurteile sowie gesellschaftliche und mediale Diskurse in denen Menschenhandel und sexualisierte Gewalt in einem Satz mit Prostitution genannt werden, lassen keinen differenzierten Blick auf diesen vielfältigen Arbeitsbereich zu und werten die Arbeit, die geleistet wird und die betreffenden Personen ab.

Menschen, die jahrelang als SexarbeiterInnen tätig waren, werden angeeignete Kompetenzen und Professionen, Autonomie und Selbstbestimmung abgesprochen. Das führt dazu, dass es sehr schwierig ist nach jahrelanger Tätigkeit in eine sogenannte "solide" Beschäftigung zu kommen. Ein angestrebter Berufswechsel gestaltet sich schwer, da beim Arbeitsamt sowie bei einer/m potentiellem ArbeitgeberInnen die vergangenen Tätigkeiten und daraus folgenden Kompetenzen ebenfalls negativ bewertet werden.

Diese Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen während und nach Ausübung einer Tätigkeit im sexuellen Dienstleistungsbereich wirkt sich langfristig auch auf das psychische Wohlbefinden aus.

Um langfristig Stigmatisierung und Diskriminierung als Folgen von Tabuisierung zu verhindern, ist es notwendig endlich Licht in alle Tätigkeitsfelder der Sexarbeit zu bringen. Dies gilt für mediale Darstellungen und daraus folgende gesellschaftspolitische Diskurse.

Wissenschaftliche Forschungen zur Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeit und SexarbeiterInnen leisten langfristig einen kleinen Beitrag um dieses Feld genauer zu beleuchten.

https://sexarbeitforschung.wordpress.com/2013/05/19/kampf-um-respekt-eine-ethnografische-studie-uber-sexarbeiterinnen/

In Rostock bieten SexarbeiterInnen vorwiegend ihre sexuellen Dienstleistungen für Kunden in ca. 60 sogenannten Modell- bzw. Terminwohnungen an. Da Rostock über keine Sperrgebietsverordnung verfügt, befinden sich diese Wohnungen im gesamten Stadtgebiet in herkömmlichen Wohnvierteln (Stadtmitte, KTV, Östliche Altstadt, Dierkow, Toitenwinkel, Lichtenhagen, Schmarl, Groß Klein). Zudem gibt es ein Laufhaus (Bordell) und einen Nachtclub in der Hansestadt und einen in Warnemünde. An allen genannten Orten bieten vorwiegend Frauen oder Trans*frauen ihre sexuellen Dienstleistungen an. Hinzu kommen unterschiedliche erotische bzw. entspannende Massageangebote in Studios sowie private Anzeigen für Hotelbesuche und andere Terminvereinbarungen in einschlägigen Internetportalen.

Mann/Männliche Sexarbeit wird hauptsächlich in Internetportalen offeriert und erfolgt in Form von Privatterminen in Hotels oder Wohnungen.

Der Escortservice für Frauen als Kundinnen läuft ebenfalls über das Internet und entsprechende Anbahnungsverfahren werden über Escortagenturen abgewickelt, die häufig landes- bzw. bundesweit ihre Sexarbeit verkaufen.

Die meisten SexarbeiterInnen, die in den Modellwohnungen tätig sind, bleiben mit ein paar Ausnahmen nie länger als zwei Wochen an einem Ort, kehren aber regelmäßig wieder zurück um wieder für ein oder zwei Wochen hier zu arbeiten. Die hohe Mobilität von SexarbeiterInnen ist rein geschäftsbedingt, da Kunden i.d.R. wechselnde Besuche bevorzugen.

Das vielfältige Angebot von sexuellen Dientsleistungen in der Hansestadt lässt wenig Spielraum für konkrete Zahlen, wieviele SexarbeiterInnen sich tatsächlich hier aufhalten und in welcher Form sexuelle Dienstleistungen konsumiert werden. Aus diesem Grunde bleiben alle Aussagen lediglich Schätzungen aus der Summe aller Bereiche. Dazu gehören die öffentlich zugänglich offerierten Angebote und die nicht zugänglichen Anbahnungsfelder der Internetportale.

Im Gegensatz zur medialen Verbreitung eines bestimmten Kunden- bzw. Freierklischees, kann gesagt werden, dass die Menschen, die sexuelle Dienstleistungen kaufen genauso vielfältig sind wie die SexarbeiterInnen selbst. Beide kommen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und nutzen die Sexarbeit aus unterschiedlichen Gründen. Auch hier kann kein explizites Bild eines bestimmten Typus gezeichnet werden.

Menschen, am häufigsten Männer die Sex kaufen, werden Freier genannt, oder nennen sich auch selbst so. Mitunter gibt es auch die Bezeichnungen Gäste oder Kunden.

Da relativ wenig zu Freiern bekannt ist und auch hier das Feld weitesgehend von unrealistischen Vorstellungen geprägt ist, stellen wir folgend einige Informationen bereit.

  • Radiobeitrag vom 1. April 2016 zur Freierstudie von Harriet Langanke.
    Radiobeitrag
  • Der Soziologe Udo Gerheim hat 2012 seine Freierstudie "Die Produktion des Freiers" veröffentlicht."Warum kaufen Männer Sex? Dieser Frage nähert sich Udo Gerheim in einer gelungenen Synthese aus kritischer Wissenschaft und einer konsequent empirischen Analyse. In Anlehnung an Bourdieu zeichnet er die (Macht-)Strukturen des Prostitutionsfeldes nach und analysiert die soziale Praxis und die habituellen Muster der Freier. Auf der Grundlage von 20 Interviews mit Freiern liegt erstmals eine bestechende soziologische Studie zu einem zentralen – aber bislang kaum beachteten – Aspekt der Produktion heterosexueller männlicher Normalität und des Begehrens im Kontext von käuflicher Sexualität vor."

 

"Sexarbeit bzw. Prostitution ist kein Menschenhandel, wie die Definition im Strafgesetzbuch zeigt:

(1) Wer eine andere Person unter Ausnutzung einer Zwangslage oder der Hilflosigkeit, die mit ihrem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder dazu bringt, sexuelle Handlungen, durch die sie ausgebeutet wird, an oder vor dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen oder von dem Täter oder einem Dritten an sich vornehmen zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. Ebenso wird bestraft, wer eine Person unter einundzwanzig Jahren zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution oder zu den sonst in Satz 1 bezeichneten sexuellen Handlungen bringt. (StGB § 232)

Menschenhandel im Bereich der Prostitution wird strafrechtlich definiert als “Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung” (StGB § 232)."

Quelle: menschenhandelheute.net/was-ist-menschenhandel/menschenhandel-prostitution-sexarbeit/